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„Du siehst den Splitter im Auge deines Gegenübers und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen Auge?“(Mtt 7,3)

Das ist ja ein ganz bekanntes Bild: Der Splitter im Auge des anderen, der Fehler, den wir an anderen bemängeln aber der Balken, den wir darüber im eigenen Auge vergessen. Können Sie sich, könnt ihr euch an so eine Situation erinnern? Ihr seid gerade dabei, euch so richtig aufzuregen über jemand anderen, Vorwürfe zu machen und dann werden Sie konfrontiert vom Gegenüber mit der Frage: Aber sag mal, bei dir, wie ist es da? Hast du nicht auch das eine oder andere falsch gemacht?

Jesus hat, so wie wir heute, solche Situationen zwischen Menschen miterlebt. Er sieht die Menschen auf dem Land: Sie gehen ihrer Arbeit nach, arbeiten schwer. Aber sie sind Menschen mit Fehlern. Er hat erlebt, wie es Gerede gibt: „Hast du schon gehört… der betrügt seine Frau…. Dass sie sich das alles gefallen lässt, unglaublich…“ oder „Seht euch den an. Es ist noch nicht einmal Mittag und er ist schon betrunken. Er säuft sich noch um den Verstand. Bald muss seine Frau betteln gehen, was soll nur aus den Kindern werden? Hat denn der Mann keine Verantwortung.“ Oder: „Weißt du schon. Der Zöllner hat schon wieder in einem Prozess gelogen. Und hat dann auch noch Recht bekommen.“ Aber Jesus sieht nicht nur die einfache Landbevölkerung. In den Städten sieht es nicht viel anders aus. Dort beobachtet er Pharisäer, die über alle anderen schlecht reden. Die aber denken, dass sie selbst ohne Fehler sind. Sie halten sich scheinbar an alle Regeln. Eines Tages kommt ein Zöllner in den Tempel, der sein schlechtes Tun bereute. Und er ruft laut: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Und wie reagiert der Pharisäer? Er sagt: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal die Woche und halte deine Gesetze. Ich danke dir, dass du mich besser gemacht hast als den da.“

Manchmal da bekommen wir den Spiegel vorgehalten und sehen: Ich beschwere mich hier über andere, aber bin ich eigentlich selbst so untadelig? Gewiss, es gibt auch das Gegenteil. Menschen, die alle Fehler nur bei sich suchen! Menschen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben, anderen immer Recht geben, ihnen alles durchgehen lassen, die aber mit sich selbst viel zu streng ins Gericht gehen. Beides stellt kein Gleichgewicht dar. Jesus sagt: „Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden nicht alle beide in die Grube fallen?“ Und das meint, wenn ich ein schiefes Bild habe von mir selbst, dann kann ich auch anderen nicht sagen, wo es lang geht. Wenn ich den Balken in meinem Auge nicht sehe, aber meine, den anderen vorzugeben, wo es lang geht, dann kann das doch nicht funktionieren. Das heißt aber auf keinen Fall, dass es nicht gut wäre, sogar unerlässlich, dass wir eine berechtigte und sachliche Kritik äußern! Schließlich ist doch ein gutes Zusammenleben überhaupt nicht möglich, wenn wir uns nicht wechselseitig ermahnen, uns aber auch ermahnen lassen! Es gibt aber auch diese Beispiele in der Welt Jesu und so auch in unserer heutigen Welt dafür, dass wir den Splitter im Auge der anderen sehen, aber nicht den Balken in unserem eigenen. Das ist eine Sache der Wahrnehmung der anderen und auch unserer selbst. Manches liegt uns bei anderen viel mehr vor Augen. Deswegen ist es immer wieder wichtig, dass wir einander auch den Spiegel vorhalten.

Zum Beispiel ärgert sich eine ältere Dame kurz vor dem Ruhestand darüber, dass das Betriebsklima in ihrer Firma für sie so belastend sei. Ihre früheren Kollegen, mit denen sich gut verstand, sind alle nicht mehr da. Nun habe sie das Gefühl, andere reden hinter ihrem Rücken über sie. Sie leide darunter. Bei genauerem Hinsehen tratscht sie auch selber gern und viel. Wie kann sie sich beschweren, wenn sie doch selbst solches Verhalten an den Tag legt, unter dem sie bei anderen leidet. Da ist wieder die Frage, im übertragenden Sinn: Kann sie als Blinde einem Blinden den Weg weisen? Wäre sie nicht vielmehr ein Vorbild, wenn sie diese Problematik ansprechen würde und mit gutem Beispiel voranginge, wenn sie denn will, dass sich etwas verbessert…

Ein anderes Beispiel: Ein älterer Herr schimpft über Ausländer, die ihren Müll nicht korrekt entsorgen. Vieles fliegt rum und sie laden Müll auch an unerlaubten Stellen ab. Etwas später erzählt er, wie er bei der Wohnungsauflösung seines eigenen Vaters den kleingesägten Schrott der Wohnung, Möbel und ähnliches nachts in der Wohnanlage auf die Mülleimer der Hausbewohner verteilt hat. Das ist ja auch kein korrektes Verhalten, oder? Wäre es ein Ausländer gewesen, von dem er solches mitgekriegt hätte, dass der so etwas nachts, wenn alle anderen schlafen, macht, dann hätte er sicherlich auch seinen Vortrag dazu gehalten. Noch ein Beispiel: Eine Studentin ist der Ansicht, es werden zu viele Nahrungsmittel weggeworfen und beklagt unser System. Wenn sie ehrlich ist, müsste sie sich eingestehen, dass sie selbst nicht ökonomisch einkauft. Manchmal zu viel und alles, was verdirbt, landet in der Tonne. Oder: Ein junger Mann. Der betritt einen Laden. Die Verkäuferin grüßt, darauf antwortet er erst mit seinem Gruß. Als er geht, beschwert sich die Verkäuferin: „So ein Töffel, nicht mal grüßen kann er, beim Betreten und Verlassen des Ladens.“ Ja, höflich ist es, wenn zunächst der grüßt, der den Laden betritt. Aber ist es ein Zeichen ausnehmender Höflichkeit von dieser Dame, im Beisein des jungen Mannes und vor anderen Kunden diesen als Töffel zu bezeichnen? Das ist bestimmt keine Höflichkeit, die ja stets auch mit Freundlichkeit zu tun hat und nicht damit, den anderen vorzuhalten, dass sie bestimmte Regeln nicht befolgen. Diese Regeln sind doch schließlich kein Selbstzweck, sondern sollen das angenehme und freundliche Zusammenleben fördern.

Solche Beispiele gibt es zuhauf im Privaten und auch auf der großen Weltbühne der Politik. Auch hier hören und lesen wir genug pauschale Urteile etwa über die Politiker, die Gewerkschaften, die Alten, die Jungen oder die Ausländer. Auf dem Weg der Erkenntnis und Selbsterkenntnis gibt es immer noch einiges, das vor uns liegt. Aber es geht nicht darum, dass wir einander aufrechnen: Der hat das getan, ich habe das getan und ewig so weiter.

Jesus weiß, dass seine Sätze auch missverstanden werden. Der erste Satz, der dem Spruch von Balken und Splitter vorangestellt ist, formuliert eine Regel, die Missverständnisse vermeiden soll. Da heißt es: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Barmherzig, darin steckt das Wort Herz. Selbst barmherzig zu sein, dazu gehört auch, dass man sich selbst kennt, dass man seine eigenen Schwächen kennt. Dass man eingesteht, dass man auch selbst Fehler macht. Nur dann ist es ehrlich, wenn man jemandem Gutes tut, aber auch, wenn wir jemanden ermahnen.

Almut Wichmann