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Heiligabendchristen – aus einer Predigt zum Heiligen Abend 2015 – Pastor Clemens Hütte

„Euch ist heute der Heiland geboren!“ – So laufen die Hirten los und verkündigen das Großartige, was sie gerade erlebt haben. Es ist für Euch alle geschehen. Und als ob Ihr es alle gehört habt, habt Ihr Euch heute aufgemacht an die Krippe, in unserem Spiel, hier heute in der Kirche. So voll, wie heute Nachmittag ist es hier sonst nie, vielleicht noch zur Konfirmation.

Nun wird ja jedes Jahr wieder das Phänomen der vollen Kirchen an Weihnachten heiß diskutiert mit sehr unterschiedlichen Deutungsrichtungen. Da gibt es die Kritiker, die sich darüber beklagen, dass man viele von Euch nur Weihnachten hier sieht. Da gibt es genauso die, die sich freuen, dass Ihr zumindest heute den Weg hierher gefunden habt. Und vor allem gibt es da noch eine ganze Menge dazwischen.

Ich kann mich noch gut an eine Weihnachtspredigt erinnern, die ich vor langer Zeit gehört habe, das war noch vor meinem Studium; der Kollege lebt heute nicht mehr. Er begann seine Predigt damals mit sinngemäß folgenden Worten: „Liebe Weihnachtschristen – und ich nenne Sie mit Absicht so, weil Ihr Erscheinen hier verlogen ist…“

Das sind schon scharfe Worte. Ich kann heute solche Gedanken nicht teilen – vielleicht noch in einigen sehr bedingten Ausnahmen. Allerdings bin ich schon manchmal erstaunt, wie alle Jahre wieder Menschen hier in die Kirche kommen und sich todernst beklagen, dass sie nun schon einmal im Jahr hier sind und dann keinen Sitzplatz bekommen. Ich „freue“ mich auch jedes Jahr wieder über die Klagen, die ich dann hinterher bekomme – und das sind einige – dass man fünf Minuten vor Beginn des Gottesdienstes nicht mehr herein gelassen wurde – obwohl, glaube ich, kaum jemand so naiv sein dürfte zu glauben, dass an Heilig Abend hier alles leer ist. Stümpertheologisch bekomme ich dann immer zu hören, dass das so sei, wie mit den hartherzigen Wirten, die das Heilige Paar abgewiesen haben. – Im letzten Jahr waren es neunzehn E-Mails, in denen ich das lesen durfte.

Andere Kritiker kommen immer wieder mit dem Argument, dass die Gottesdienste heute Nachmittag nur dazu da seien, die Zeit bis zur Bescherung zu überbrücken, dass alles hier nur noch


Entertainment ist. – Ich kann nicht beurteilen, warum Ihr heute Nachmittag hier seid. Selbst wenn es nur der Unterhaltung wegen ist, dann bitte: Wir haben ja auch eine gute Geschichte zu erzählen.

Obwohl wir nur mit ein paar jugendlichen Laiendarstellern und rudimentären Kostümen die Weihnachtsgeschichte gespielt haben, war die Geschichte wichtiger als professionelles Fernsehen mit tollen Animationen. Und vor allem hat unsere Geschichte eine Botschaft, die nicht nur heißt: „Hebt die Einschaltquote“, sondern die Euch etwas verspricht: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Das verkündigen die Hirten jedem und jeder darf kommen und sehen.

Gott wird Mensch durch diese Geburt, und Menschen sind wir alle. Ich habe in einem Adventskalender kürzlich eine schöne Geschichte einer Begebenheit gefunden: Eine Pastorin hatte eine recht kuriose Krippe bekommen, die jedes Jahr bei ihr zu Hause aufgestellt wurde. Sie sah recht norddeutsch aus, stammte aus dem vielsagenden Brunsbüttel, was ja nun nicht unbedingt viel mit dem biblischen Bethlehem gemein hat. Aber im Prinzip haben alle Krippen ja auch eine regionale Prägung, wenn ich mir so die ganzen kleinen gemütlichen Holzhütten anschaue.

An der beschriebenen Krippe standen zusätzlich zu den üblichen Verdächtigen noch Tiere wie Rehe, Hirsche, Hasen und Eichhörnchen. Damit konnte die Pastorin noch ganz gut leben. Doch das war noch nicht alles, und da wurde ihre Vorstellung von einer Krippe überschritten. Ein paar Tiere mehr waren noch dabei: ein Pinguin, ein Gorilla, ein Walross, ein Stinktier. Das ging zu weit!

Immer wieder entfernte die Pastorin die Tiere von der Krippe, aber kaum war sie mal einen Moment nicht da, waren die Tiere wieder da. Schnell merkte sie, dass ihre kleine Tochter dahinter steckte. Sie stellte sie zur Rede. Die schaute ihre Mutter aber nur mit großen Augen an und sagte: „Aber Mama, du hast doch selber gesagt, an die Krippe dürfen alle kommen. Auch der Pinguin, der Gorilla, das Walross und das Stinktier.“ Das fiel der Pastorin nur ein stotterndes „Von einem Gorilla war nie die Rede!“ ein. – Sie hatte verloren. So ließ sie die seltsame Krippe stehen, auch wenn manche Gäste etwas seltsam guckten.

Zur Krippe darf natürlich jeder kommen. Was wäre das für eine Botschaft, wenn Frieden auf Erden predigen, gleichzeitig aber nicht alle, die möchten, an die Krippe lassen würden.

„Euch ist heute der Heiland geboren!“ – Euch allen, allen die Ihr hier seid, allen die im Geiste hier sind. Warum wir uns aufmachen an die Krippe ist unsere ganz eigene Sache, das hat niemand zu beurteilen, außer wir selbst. Der Heiland heißt uns alle willkommen, egal ob Pinguin oder Gorilla.