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Liebe BorgfelderInnen,

auf der Liste der beliebtesten Vornamen für Mädchen in Deutschland rangierte der Name GRETA im Jahr 2018 auf Rang 45. Das mag sich ändern. Tatsache ist, dass dieser Name derzeit in (fast) aller Munde ist. Greta Thunberg, dieses 16jährige Mädchen, das den Politikern aller Welt und UNS ALLEN sozusagen die Leviten liest.

Von vielen BorgfelderInnen bekomme ich die Rückmeldung, dass sie gerne lesen, was ich so (denke…sage…) schreibe. Nun bitte ich Sie, sich die Zeit zu nehmen und zu lesen, was Greta zu sagen hat. Denn sie hat (uns) was zu sagen! Viele von Ihnen werden Fernsehausschnitte von ihr auf der letzten Klimakonferenz gesehen haben. Die nachfolgende Rede hat sie (noch fünfzehnjährig und ohne Manuskript!) schon im Dezember 2018 im Rahmen der TED-Talks in Stockholm vor Hunderten von Menschen gehalten:

Als ich ungefähr 8 Jahre alt war, hörte ich zum ersten Mal vom Klimawandel und von globaler Erwärmung. Offenbar hatten das Menschen durch ihre Lebensweise gemacht. Mir wurde gesagt, ich solle das Licht ausmachen, um Energie zu sparen, und Papier wiederverwenden, um Ressourcen zu sparen. Ich erinnere mich, dass ich es sehr seltsam fand, dass Menschen, die eine Tierart von vielen sind, dazu fähig sind, das Erdklima zu verändern. Denn wenn wir es wären und es tatsächlich geschah, dann würden wir doch über nichts anderes mehr sprechen.
Im Fernsehen würde es nur darum gehen. Schlagzeilen, Radio, Zeitungen – wir  würden von nichts
anderem hören oder lesen, so als wäre ein Weltkrieg ausgebrochen. Aber niemand sprach darüber. Wenn das Verbrennen fossiler Brennstoffe so schädlich war, dass es unsere Existenz bedrohte, wie konnten wir dann so weitermachen wie bisher? Warum gab es keine Beschränkungen? Warum wurde es nicht verboten? Für mich ergab das keinen Sinn. Es war zu unwirklich. Mit 11 Jahren wurde ich krank. Ich bekam Depressionen. Ich hörte auf zu sprechen und zu essen. Innerhalb von zwei Monaten verlor ich etwa 10 kg Gewicht. Später bekam ich die Diagnose Aspergersyndrom, Zwangsstörungen und selektiver Mutismus. Im Grunde bedeutet es, dass ich nur spreche, wenn ich es für nötig halte. Jetzt ist einer dieser Momente.
Für Menschen mit einer Form von Autismus ist fast alles schwarz oder weiß. Wir können nicht gut lügen, und meist nehmen wir ungern am sozialen Leben teil, das alle anderen so zu mögen scheinen. In vielerlei Hinsicht scheinen Autisten die Normalen und die anderen ziemlich seltsam zu sein.
Besonders beim Thema Nachhaltigkeit, über das jeder sagt, der Klimawandel sei eine existentielle Bedrohung und das wichtigste Thema von allen, machen alle weiter wie bisher. Ich verstehe das nicht, denn wenn Emissionen gestoppt werden müssen, dann müssen wir sie stoppen. Ich sehe das schwarzweiß. Es gibt keine Grauzonen, wenn es um das Überleben geht. Entweder bestehen wir als Zivilisation weiter oder nicht. Wir müssen uns ändern!

Reiche Länder wie Schweden müssen anfangen, die Emissionen wenigstens um 15 % pro Jahr zu verringern. Nur so bleiben wir unter einer Erwärmung von 2 Grad. Doch wie der Weltklimarat kürzlich zeigte, könnten wir mit einem Ziel von 1,5° Celsius stattdessen die Folgen für das Klima deutlich reduzieren. Wir können uns denken, was das für die Verringerung von Emissionen bedeutet. Man sollte meinen, die Medien und sämtliche Politiker würden über nichts anderes reden. Aber sie erwähnen es nicht einmal. Auch nicht, dass Treibhausgase bereits im System eingeschlossen sind. Oder dass Luftverschmutzung eine Erwärmung versteckt, sodass wir beim Verbrennungsstopp fossiler Brennstoffe bereits eine zusätzliche Erwärmung von vielleicht sogar 0,5 bis 1,1° Celsius haben. Außerdem spricht kaum jemand darüber, dass wir uns mitten im sechsten Massenaussterben befinden. Bis zu 200 Arten sterben tagtäglich aus. Arten sterben heute 1.000-mal bis 10.000-mal schneller aus als normal. Auch spricht kaum jemand über den Aspekt der Klimagerechtigkeit, welche im Pariser Abkommen überall erwähnt wird und die absolut erforderlich ist, damit es global funktioniert. Es bedeutet, dass reiche Länder ihre Emissionen innerhalb von 6 bis 12 Jahren auf Null reduzieren müssen. So bekommen Menschen in ärmeren Ländern die Chance, ihren Lebensstandard durch den Aufbau einer Infrastruktur zu verbessern, die wir bereits haben, wie Straßen, Schulen, Krankenhäuser, sauberes Trinkwasser, Elektrizität und so weiter. Denn wie können wir von Ländern wie Indien oder Nigeria verlangen, sich um die Klimakrise zu kümmern, wenn wir, die schon alles haben, uns keine Sekunde darum kümmern oder um unsere konkreten Zusagen zum Pariser Abkommen?
Warum also reduzieren wir unsere Emissionen nicht? Warum steigen sie stattdessen immer noch? Verursachen wir absichtlich ein Massenaussterben? Sind wir böse? Nein, sicher nicht. Die Menschen machen weiter, weil ein Großteil keine Ahnung vor den Folgen unseres Alltagslebens hat. Sie wissen nicht, dass ein schneller Wandel notwendig ist.
Wir alle denken, wir wüssten es, und wir alle denken, jeder wüsste es, aber so ist es nicht. Wie könnten wir das auch? Wenn es wirklich eine Krise gäbe, die durch unsere Emissionen verursacht würde, müsste man wenigstens einige Anzeichen sehen. Nicht nur überflutete Städte, zehntausende Tote und ganze Länder voller Trümmer aus abgerissenen Gebäuden. Man würde Beschränkungen sehen. Aber nein. Und niemand spricht darüber. Es gibt keine Notfallversammlungen, keine Schlagzeilen, keine aktuellen Nachrichten. Niemand handelt, als wären wir in einer Krise. Sogar die meisten Klimaforscher und grünen Politiker fliegen rund um die Welt, essen Fleisch und Milchprodukte.
Wenn ich 100 Jahre alt werde, werde ich im Jahr 2103 leben. Wenn Sie heute über die Zukunft nachdenken, denken Sie nicht über das Jahr 2050 hinaus. Im besten Fall habe ich dann nicht einmal die Hälfte meines Lebens hinter mir. Was geschieht danach? Im Jahr 2078 feiere ich meinen 75. Geburtstag. Wenn ich Kinder oder Enkelkinder habe, verbringen sie vielleicht den Tag mit mir. Vielleicht fragen sie mich nach Ihnen, den Menschen, die im Jahr 2018 lebten. Vielleicht fragen sie, warum Sie nichts taten, als Ihnen noch Zeit dafür blieb. Was wir jetzt tun oder nicht tun, betrifft mein ganzes Leben und das Leben meiner Kinder und Enkelkinder. Was wir jetzt tun oder nicht tun, können ich und meine Generation in Zukunft nicht ungeschehen machen.
Also beschloss ich zum Schulbeginn im August, dass es jetzt reicht. Ich setzte mich vor dem schwedischen Parlament auf den Boden. Ich machte Schulstreik für das Klima. Manche Leute sagen, ich solle stattdessen zur Schule gehen. Manche Leute sagen, ich solle lernen, damit ich als Klimaforscherin „die Klimakrise lösen“ kann. Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir kennen alle Fakten und die Lösungen. Wir müssen nur noch aufwachen und etwas ändern. Und warum soll ich für eine Zukunft lernen, die bald nicht mehr da ist, wenn niemand etwas tut, um diese Zukunft zu retten. Was bringt es, Fakten im Schulsystem zu lernen, wenn die wichtigsten Fakten, die von der Wissenschaft aus dem gleichen Schulsystem kommen, offensichtlich nichts für unsere Politiker und unsere Gesellschaft bedeuten? Einige Leute sagen, Schweden sei nur ein kleines Land und es spiele keine Rolle, was wir tun. Aber wenn ein paar Kinder weltweit Schlagzeilen machen können, nur weil sie einige Wochen nicht zur Schule gehen, stellen Sie sich vor, was wir zusammen tun könnten, wenn wir wollen.
Jetzt sind wir fast am Ende meiner Rede und hier fangen die Meisten an, über Hoffnung zu reden: Solarmodule, Windkraft, Kreislaufwirtschaft und so weiter, aber ich werde das nicht tun. Es gab 30 Jahre lang Aufmunterungen und positive Ideen. Es tut mir leid, aber es funktioniert nicht. Hätte es funktioniert, wären die Emissionen inzwischen  zurückgegangen.


Sie sind es aber nicht. Ja, wir brauchen Hoffnung, sicher brauchen wir sie. Aber noch mehr als Hoffnung brauchen wir Taten. Sobald wir handeln, ist Hoffnung überall. Statt also nach Hoffnung zu suchen, suchen Sie nach Handlungsmöglichkeiten. Dann, und nur dann, wird Hoffnung kommen. Heute verbrauchen wir tagtäglich 100 Millionen Barrel Öl. Die Politik ändert daran nichts. Es gibt keine Regeln, das Öl im Boden zu lassen. Wir können die Welt nicht retten, indem wir die Regeln einhalten, denn die Regeln müssen geändert werden. Alles muss sich ändern. Und es muss heute beginnen.

Nun liegt die große „fridays for future“-Demonstration am 20.09. schon lange hinter uns. Tausende Menschen aller Altersgruppen haben in Bremen friedlich für ein Umdenken und eine andere Klimapolitik demonstriert. Der Marktplatz war schon voll, als ein Großteil der DemonstrantInnen noch auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke waren, von wo sie das Ende der Schlange auf der Stephanibrücke sehen konnten, darunter auch etliche Klein(st)kindergruppen. Es war – so alle Beteiligten – überwältigend! Auch wir wollten uns in irgendeiner Form an diesem Protesttag beteiligen. Daher war es uns im ersten Schritt wichtig, die Kinder mit Greta bekannt zu machen. Also haben wir ihnen die Geschichte von Greta erzählt (untermalt mit vielen Bildern, die ich hier nicht abdrucken kann):

Fridays for future Kindern erklärt
Das ist Greta! Greta ist 16 Jahre alt und kommt aus Schweden! Greta hat erfahren, dass es unserer Erde nicht gut geht! Wie kommt das? Greta hat in der Schule gelernt, warum das so ist: Auf unseren Straßen fahren viel zu viele Autos. Die Abgase machen unsere Luft schmutzig! Sie hat gelernt, dass jeden Tag viel zu viele Flugzeuge von hier nach dort fliegen. Die Abgase machen unsere Luft schmutzig! Sie hat erfahren, dass auf den Meeren viel zu viele Schiffe fahren. Die Abgase machen unsere Luft schmutzig! Und dann gibt es noch viel zu viele Fabriken, deren Abgase unsere Luft schmutzig machen. In den Nachrichten hat Greta gehört, dass es immer weniger Wälder gibt, weil die Bäume gefällt werden. Greta hat in der Schule gelernt, dass Wälder ganz wichtig sind, weil sie aus schmutziger Luft wieder saubere Luft machen. Viele kluge Forscher haben herausgefunden, dass unsere Erde durch die vielen Abgase immer wärmer wird. Das ist nicht gut für uns Menschen, für die Tiere und auch für die Pflanzen. Sie haben gesagt: „Das darf so nicht weitergehen mit den vielen Autos, Schiffen, Flugzeugen und Fabriken. Die Luft muss sauberer werden. Dann haben wir wieder ein besseres Klima.“
Greta war der Meinung, dass das so wichtige Nachrichten sind, dass man davon jeden Tag in der Zeitung lesen und in den Nachrichten hören müsste. Das ist aber leider nicht so! Viele Politiker treffen sich ganz oft und reden darüber. Aber sie machen keine Gesetze, die das Dreckige-Luft-Machen verbieten.
Das fand Greta blöd. Da hat sie angefangen zu streiken. Sie ist freitags nicht mehr zur Schule gegangen, sondern hat sich in Stockholm (das ist die Hauptstadt von Schweden) vor das Haus der Politiker gesetzt mit ihrem Schild: Schulstreik für das Klima! Sie will das so lange machen – jeden Freitag – bis die Politiker endlich etwas tun für ein besseres Klima! Andere Schüler und Schülerinnen haben von Gretas Aktion gehört. Sie finden Gretas Idee, für ein besseres Klima zu streiken, toll. Sie haben auch angefangen zu streiken und gehen freitags nicht zur Schule. Und es werden immer mehr und immer mehr – überall auf der ganzen Welt! Und sie wollen weitermachen mit ihrem Streik – jeden Freitag – bis die Politiker endlich die richtigen Gesetze machen! Mittlerweile hat der Protest einen Namen: fridays for future! Das ist Englisch und heißt auf Deutsch: Freitags für die Zukunft!

Und was können wir tun?
Wir können öfter mal zu Fuß zur Kita gehen oder mit dem Fahrrad fahren… statt mit dem Auto! Wir können Energie sparen! Wie das geht? Wir können das Licht ausmachen, wenn es draußen hell genug ist! Wir können Wasser sparen und den Wasserhahn zwischendurch zudrehen! Wir können unseren Müll trennen, denn aus manchem Müll kann man noch wieder neue Dinge machen. Das nennt man „recyceln“! Und wir können mit unseren Sachen sorgsam umgehen, damit sie nicht so schnell kaputt gehen. Wenn wir das tun, wäre Greta wohl sehr mit uns zufrieden! Auch die Politiker haben von Greta gehört. Greta wurde von ihnen eingeladen und durfte ihnen sagen, wie wichtig das mit dem Klima ist und dass sie endlich was tun müssen. Und viele Politiker haben gesagt: „Greta hat recht! Wir müssen endlich was tun für ein besseres Klima!“ Das alles hat Greta geschafft mit ihrem Schulstreik!!! DANKE, GRETA!
Nicht alle unserer Kinder haben die Geschichte von Greta verstanden. Die älteren unter ihnen aber konnten ihren Eltern die in der Kita ausgehängte Geschichte von Greta und – vor allen Dingen – was man selbst tun kann – erzählen und erklären.
Um unsere Kinder weder zu überfordern noch zu instrumentalisieren, haben wir uns gegen eine Teilnahme an der Großdemo entschieden. Stattdessen haben wir am 20. September auf dem Borgfelder Marktplatz eine Andacht zum Thema „Bewahrung der Schöpfung“ veranstaltet. Knapp 120 Kindern (aus der Krippe, der Kükengruppe, der Kita Am Fleet und der Kita Krögersweg) hat Pastor Hütte von der Erde erzählt, die Gott uns anvertraut hat und auf die wir alle gut aufpassen müssen.

Für viele Kinder mag es einfach eine Andacht an einem anderen Ort gewesen sein, für manche aber auch die Erfahrung, dass man sich gemeinsam für etwas einsetzen kann. Und Greta hat uns allen gezeigt, dass man das auch schon tun kann, wenn man noch nicht erwachsen ist. Und so haben wir am Ende auch dieses Lied gesungen:

Viele kleine Leute an vielen kleine Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.

Seien Sie herzlich gegrüßt…

Elke Meiners